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Juni 2020                                                                                                       

Als das Ringerderby in Freiburg fast so populär wie der Fußbal war

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Mehr als 2000 Zuschauer drängelten sich in der Staudingerhalle, um den Lokalkampf zwischen dem Arrivierten und dem Neuling zu sehen. Aus heutiger Sicht undenkbar, zur RKG kommt manchmal nur ein Zehntel dieser Besucherzahl von damals.

Fast so viele Zuschauer wie damals beim SC Freiburg
1976 war das Jahr der Olympischen Spiele im kanadischen Montreal, bei denen erstmals das Gastgeberland keine Goldmedaille gewann. Das Freiburger Ringer-Idol Adolf Seger (St. Georgen) hatte – wie vier Jahre zuvor in München – die Bronzemedaille gewonnen. Während der BSV Schwenningen mit dem 1966er Vizeweltmeister Helmut Haller zur Schießbude der zweiten Liga avancierte, kickten der Freiburger FC und der Sportclub Freiburg in der ersten Amateurliga, damals die dritthöchste Spielklasse. Um einmal die Dimensionen zu beschreiben: In seinem letzten Heimspiel vor dem Ringer-Derby begrüßte der SC beim 2:1-Erfolg gegen den SV Kuppenheim ebenso 2500 Zuschauer wie eine Woche davor der FFC beim 4:1-Sieg gegen den SC Pfullendorf. Am Tag des Ringer-Lokalkampfes war Fußball-Länderpokal in Freiburg: Südbaden gegen Württemberg 2:2 – ebenfalls vor 2000 Besuchern.

Es war die Zeit, in der die Ringer in der Stadt Freiburg große Popularität genossen, sich als Zuschauer zum Fußball begaben, um dann auch Kicker – vornehmlich die des FFC – als Gäste bei ihrem Mattensport begrüßen zu können. Über allen strahlte Adolf Seger – aber Werner Hettich, Valeriu Albu als "Spielertrainer" (alle St. Georgen) sowie die Brüder Waldemar und Peter Schöffler, Herbert Hettich und der junge Wolfgang Vattes (alle Haslach) waren auch "echte Kämpfer vor dem Herrn".

Erbitterte Rivalität zwischen den Stadtteil-Clubs
Es war auch die Zeit, in der die beiden Stadtteile eher ländlich geprägt waren. Ein Wechsel vom einen Club zum anderen galt als Frevel. "Sportlich hatte man Fußball und man hatte Ringen – mehr nicht", erinnert sich Peter Schöffler (72). Und es war die Zeit, als man in der untersten Gewichtsklasse nur 48 Kilogramm wiegen durfte. Nicht umsonst hieß sie Papiergewicht und die Sportler mussten lange in der Sauna verweilen, bis sie auf jene 48 Kilo abgekocht hatten.

Peter Schöffler war im ersten Bundesliga-Derby der Matchwinner für seinen SV Haslach. BZ-Mitarbeiter Edmund Kaul schrieb in der Montagausgabe vom 11. Oktober 1976 über das achte der zehn Mattenduelle beim Stand von 16:12 für St. Georgen: "Dann kam es zum umstrittensten Kampf des Abends. Im Mittelgewicht zeigte Albu zunächst einige Schwächen. Er musste Schöffler in der ersten Runde einen 3:0-Vorsprung überlassen. Gegen Ende der zweiten Runde kam Albu besser zum Zuge und verbesserte das Resultat auf 2:4. Auch in der dritten Runde schien Albu Vorteile zu haben, denn er machte eine weitaus bessere Figur als zu Beginn des Kampfes. Doch Mattenleiter Mörgenthaler sah Albu als den passiveren Ringer und sprach die dritte Verwarnung aus. Damit war eine Vorentscheidung gefallen." Denn die Haslacher glichen zum 16:16 aus und kamen danach durch einen Schultersieg von Herbert Sutter gegen Rolf Seger sowie eine Punktniederlage von Trainer Waldemar Schöffler gegen Werner Hettich zum knappen 21:19-Erfolg. Der Rumäne Valeriu Albu (71), der 1971 nach Länderkämpfen in Freiburg und Karlsruhe in Deutschland geblieben war, erinnert sich heute an den Kampf gegen Peter Schöffler nicht so gern und nicht sehr intensiv. Er sagt aber: "Peter war stets ein sehr guter Mannschaftsringer."

Adolf Seger erzürnt über den Mattenleiter
Und wie so oft in Derbys war natürlich der Mattenleiter schuld. Edmund Kaul schrieb: "So zornig wie an diesem Abend hat man Weltmeister Adolf Seger noch nie erlebt. Der sonst sehr zurückhaltende und ruhige Sportler schimpfte: ’Was sich der Mattenleiter geleistet hat, war eine Unverfrorenheit sondersgleichen. Dazu stehe ich’." Der spätere Präsident des Deutschen Ringer-Bundes, Helmuth Pauli aus Tuttlingen, der als Beobachter in Freiburg vor Ort war, wird in der BZ wie folgt zitiert: "Sie müssen verstehen, ich kann hierzu nichts sagen."

Das Derby ist Vergangenheit – heute gibt’s die RKG
In den Folgejahren gab es meist knappe Resultate bei den Bundesliga-Derbys – mit denen es dann aber auch schnell wieder vorbei war. 1979 steig der AV St. Georgen wegen der Reduzierung der ersten Liga ab, 1984 der SV Haslach. Es folgten etliche Jahre in den Ligen zwei und drei. Das Ringen in der Großstadt Freiburg verlor mehr und mehr an Bedeutung. Nach einer Initiative der Stadtverwaltung mit dem damaligen Oberbürgermeister Rolf Böhme schlossen sich der AV St.Georgen und der SV Haslach im Jahr 1999 zur Ringkampfgemeinschaft (RKG) Freiburg zusammen. Freiburger Bundesliga-Ringer-Derbys gibt es somit keine mehr. Aber immerhin: Die RKG kämpft inzwischen wieder in der ersten Liga – und erreichte vergangene Saison, erstmals seit elf Jahren, wieder die Playoffs um die deutsche Mannschaftsmeisterschaft.

Quelle: Badische-Zeitung                                                                                                                                                                             10.06.2020